Problemlage in Deutschland

Wissenschaftliche Indikatoren

Derzeit wird die Problemlage im Zusammenhang mit dem Glücksspielen vor allem mit der Zahl Pathologischer Spieler und mit einzelnen Merkmalen dieser Spieler (Komorbidität, Schweregrad, Schulden) erfasst. Pathologische Spieler sind entsprechend der Definition des Diagnostisch-Statistischen Manuals (DSM) in seiner neuen 5. Fassung (DSM 5) Personen, auf die die Diagnose „Gambling Disorder“ (Glücksspielstörung) zutrifft (American Psychiatric Association, 2013).

Der Begriff des Verbraucherschutzes wird jedoch weiter verstanden, zum Beispiel im Hinblick auf Problemlagen ohne diese Diagnose. Allerdings sind sowohl die Konzepte als auch die Instrumente dafür bis heute wenig entwickelt. Zumeist wird dazu nach unterschiedlichen Kriterien eine Kategorie „Problematisches Glücksspielen“ gebildet. Inwieweit dies eine Risikogruppe für eine zukünftige pathologische Entwicklung oder lediglich eine vorübergehende Entwicklung darstellt, ist unklar. Ebenfalls fraglich ist, ob nicht mit anderen Kriterien eine solche Problemlage besser erfasst werden könnte.

Es fehlen weiterhin Kenntnisse über verlässliche Frühindikatoren einer problematischen Entwicklung, die vom Spieler selbst, von Angehörigen und vom Personal der Glücksspielangebote gut erkannt werden können. Hier besteht Forschungsbedarf, insbesondere fehlen Längsschnittuntersuchungen, die über einen langen Zeitraum Entwicklungen in der Bevölkerung bzw. von Risikogruppen beobachten.

Problemumfang aus suchtwissenschaftlicher Perspektive

Das Ausmaß von Glücksspielproblemen innerhalb der Bevölkerung wird über das Maß der Prävalenz, also der Häufigkeit des Auftretens einer Diagnose in einer bestimmten Personengruppe, angegeben.

Für Deutschland lagen von 2007 bis 2012 sieben Prävalenzstudien von vier Forschungsgruppen vor, die trotz der auf den ersten Blick unterschiedlichen Prävalenzwerte und der sehr unterschiedlichen Methodik (Sassen, Kraus, & Bühringer, 2011) zu weitgehend übereinstimmenden Ergebnissen führen (Sassen & Kraus, 2013). Demnach gehen wir, als Mittelwert aller Studien, von 0,35% mit einer Diagnose Pathologisches Glücksspielen aus. Das entspricht etwa 185.000 Personen im Alter 18-64 Jahren.

Nimmt man nur die drei Studien, die Konfidenzintervalle (statistisch berechnete wahrscheinliche Ober- und Untergrenzen) angegeben haben, sind es 0,27% (0,13-0,43%) oder 140.000 (79.000-205.000) Personen. In der nicht-diagnostischen Kategorie „problematisches Spielen“ sind es über alle sieben Studien 0,4% oder etwa 220.000 Personen.

Die aktuellen Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung(Haß & Lang, 2016) bestätigt mit 0,38 %(2013) bzw. 0,32 %(2015) Personen mit Pathologischem Glücksspielen und 0,45 bzw. 0,34 % Personen mit „problematischem Glücksspielen“ die bisherigen Werte bei vergleichbarer Methodik. Gegenüber früheren Erhebungen seit 2007 ergeben sich keine signifikanten, also statistisch bedeutsamen, Veränderungen dieser Ergebnisse.

Problembeschreibung aus regulatorischer Perspektive

Der bestehende Glücksspielmarkt in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren trotz einer bestehenden straffen rechtlichen Regulierung mit Lizenzierungen und Konzessionsmodellen stark verändert und ausgeweitet. Nicht ausreichend umgesetzte Möglichkeiten des Vollzuges der Gesetzgebung und die gleichzeitige Beschneidung der Marketing-Kommunikationsmöglichkeiten des legalen Angebots haben zu einem massiven Anstieg illegaler Angebote im Internet geführt. Dies gilt vor allem im Bereich der Casinospiele einschließlich Pokerangebote, Lotterien und Sportwetten. Gleichzeitig haben aber auch die illegalen Angebote des Automatenspiels sowie von Casinospielen, Sportwetten und Poker in terrestrischen Spielorten zugenommen. Die Ziele des Staatsvertrages, vor allem die Kanalisierung der Glücksspielnachfrage in legale Angebote, sowie der Schutz der Spieler vor Glücksspielproblemen sowie vor Folge- und Begleitkriminalität laufen damit Gefahr, nicht erreicht zu werden.

Die Verbraucher in Deutschland können den Schwarz-, Grau- und legalen Markt nicht mehr voneinander unterscheiden. Aufgrund der Komplexität der Glücksspiellandschaft und der geschaffenen Rechtsrahmen ist eine Unübersichtlichkeit bei politischen Entscheidern, Gerichten, Vollzugsbehörden, Medien sowie in der Bevölkerung selbst entstanden. Aus dieser Situation gehen legale und genehmigte Glücksspielanbieter als Verlierer hervor, der Staat verliert seine Kontrollfunktion und die Verbraucher verirren sich in der Vielzahl an unkontrollierten Angeboten.

Für ein effektives Ordnungssystem im deutschen Glücksspielwesen ist die Einbettung eines übergreifenden Public Health Ansatzes daher unerlässlich. Um die bestehenden Ziele des Staatsvertrages für staatliche Organe, aber auch für die Wirtschaftsteilnehmer und Verbraucher besser erreichen zu können, bedarf es – anstatt der bisherigen, das Verbraucherverhalten weitgehend ignorierenden Versuche der singulären Angebotsreduktion – einen neuen Fixpunkt in der Diskussion um einen praktikablen Glücksspielmarkt: die Qualität.

Eine zukünftige Glücksspielregulierung in Deutschland soll sich in erster Linie an hohen Qualitätsstandards orientieren. Dies gilt insbesondere für die Gestaltung der Glücksspielangebote und ihrer konkreten Durchführung, des Glücksspielumfeldes, der Wissensbasis zu Glücksspielverhalten, der Informations-, Präventions- und Suchthilfeangebote für Verbraucher sowie die Kontrolle durch die Glücksspielaufsicht. Diese hohen Qualitätsstandards bilden die Grundlage für Mengeneffekte im verfügbaren Angebot.